| Geschichte des Einzehandels |
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Der Einzelhandel, wie er heute existiert, bildet das Ergebnis einer spannenden Entwicklung, die zu einer Vielzahl verschiedener Ausprägungsfomen führte.
Versorgten sich die Menschen früher auf Märkten mit den notwendigen Gütern oder produzierten diese selber, so zieht ein Großteil der Menschen dafür heute Supermärkte vor. Stellte in der Vergangenheit die Versorgung mit Gütern ein lebensnotwendiger Bestandteil dar, so steht heute zunehmend der Freizeitwert des Shoppings im Vordergrund. Bildeten Innenstädte früher Orte, an denen sich Märkte befanden und Handel stattfand, so sehen sich diese seit geraumer Zeit neuen Konkurrenten in peripherer Lage gegenüber, wie etwa den häufig zitierten Einkaufscentren auf der „grünen Wiese".
Wie sich der gesamte Einzelhandel entwickelt hat, welche Faktoren ihn beeinfluss(t)en und wohin es in der Zukunft gehen wird, wird im Folgenden dargestellt.
Als Ausgangspunkt der Entstehung des (Einzel-)Handels können Veränderungen der Lebensweise der Bevölkerung einerseits, sowie Veränderungen bei der Art der Güterproduktion andererseits angesehen werden. Die Ursprünge dieser Veränderungen reichen bis ins frühe Mittelalter zurück. Zunächst wurden alle Gegenstände des täglichen Bedarfs im Rahmen der so genannten ‚geschlossenen Hauswirtschaft' von den Haushaltsmitgliedern selbst erzeugt und verbraucht[1]. Mit der Ausdifferenzierung des Handwerks, d.h. der Entstehung besonderer Berufe (z.B. Weber, Zimmermann, Tischler, Schmied etc.) für bestimmte handwerkliche Tätigkeiten, etablierten sich zunehmend Güteraustauschbeziehungen, die einerseits im ‚Naturaltausch' bzw. andererseits im ‚Geldtausch' bestanden[2]. Als älteste Form des Einzelhandels kann die Hausiererei angesehen werden, die dem Vertrieb von Überschüssen aus der Hauswirtschaft und weiterer ergänzender Güter (z.B. Heilpflanzen, Gewürze, Pilze etc.) aus der selbstständigen Sammeltätigkeit des Hausierers diente[3]. Hausierer waren ambulante Händler, die den Warenaustausch zwischen ländlichen Gebieten und Städten ermöglichten[4]. Das Ausmaß dieser Form des Handels war jedoch sehr gering[5]. Eine weitaus größere Bedeutung spielte der sog. Fernhandel, welcher von Kaufleuten (Mercatoren) betrieben wurde, die sich mit dem Vertrieb, d.h. dem Ein- und Verkauf seltener Güter innerhalb und außerhalb Europas befassten. Ihre Dienste wurden von den mittelalterlichen Herrschern geschätzt und waren entsprechend privilegiert. Gleichwohl war die Ausübung dieser Tätigkeit anfangs aufgrund verschiedenster Faktoren (z.B. Abgaben und Auflagen an Verkehrsknotenpunkten, Stapel- und Straßenzwängen in bzw. zwischen Städten, Gefahren durch Raubüberfälle etc.) ein beschwerliches und abenteuerliches Unterfangen. Mit der Schaffung von Märkten und Messen durch die kirchlichen und weltlichen Herrscher, welche die völlige Freizügigkeit des Handels garantierten, verbesserte sich diese Situation im Laufe der Jahrhunderte. Märkte und Messen bildeten fortan die Zentren von Handel und Gewerbe[6].
Ein Grundbestreben aller mittelalterlichen Städte war die Ansiedlung eines in der Stadt ansässigen Gewerbes, welches die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen sollte. Durch die Ausübung handwerklicher Tätigkeiten sollte zudem eine ausreichende Existenzgrundlage für die Gewerbetreibenden geschaffen werden. Hieraus resultierten Zusammenschlüsse von Handwerkern, die die gleichen Tätigkeiten ausübten, in Form der Zünfte, so dass sie ihre Interessen gemeinsam vertreten zu können. Des Weiteren dienten die Zünfte dem Schutz vor Konkurrenz von außerhalb. Bedingt durch einen Verhaltenskodex war die Rolle eines jeden Handwerkes innerhalb einer Zunft bis ins Detail fixiert, d.h. dass z.B. eine bestimmte Höchstzahl an Gesellen und Lehrlingen nicht überschritten werden, nur eine Werkstatt oder ein Verkaufstand betrieben werden durfte, nur einheitliche Preise zulässig waren und Waren nur auf dem Markt verkauft werden durften. Zudem bestand Zunftzwang, was bedeutete, dass alle ortsansässigen Handwerker der Zunft beitreten mussten, andernfalls wäre die Ausübung des entsprechenden Gewerbes nicht zulässig[7].
Ein besonderes Merkmal des Handels im Mittelalter war die direkte wirtschaftliche Beziehung zwischen Produzent und Konsument, d.h. der Handwerker produzierte nicht für einen anonymen Kunden, sondern stand mit diesem in persönlicher Interaktion. Jedoch existierte bereits im Hochmittelalter neben dieser Kundenproduktion eine umfangreiche Vorratsproduktion für den Verkauf an anonyme Abnehmer auf Wochen- und Jahrmärkten. Diese Entwicklung war die Geburtsstunde des Handwerkshandels, also der Einzelhandelstätigkeit des Handwerks, die insbesondere im Lebensmittelhandwerk stark ausgeprägt war. Zeitgleich kam es zu einer Zunahme der Spezialisierung im Handwerk, gleichermaßen in vertikaler als auch in horizontaler Richtung[8].
Konkurrenz für den städtischen Handwerkshandel entstand mit der Entstehung des ortsgebundenen Straßenhandels, initiiert durch die Hausierer, welche ihren nicht ortsgebundenen Wanderhandel aufgaben, sich zunehmend in den Städten niederließen und ihre Waren dort verkauften. Solche Hausierer bezeichnete man als Höker, da diese fortan nur noch ‚auf ihrer Ware hockten' und auf Kundschaft warten mussten, anstatt diese direkt aufzusuchen. Die Höker können als die ersten stationären Einzelhändler angesehen werden. Ihr soziales Ansehen war i.d.R. nur gering und ihre Existenz meist kümmerlich. Die Handelsaktivitäten der Höker befassten sich überwiegend mit Nahrungsmitteln in kleinen bzw. kleinsten Mengen. Durch ständige Weiterentwicklung der Darbietungsform der Waren (zuerst auf dem Boden, später Verkaufstische) entwickelten sich im Zeitverlauf aus den Hökern die Krämer. Als Krämer (Kram mittelhochdeutsch: ausgespanntes Tuch, Zeltdecke) wurde ein Händler bezeichnet, der einen überdachten Verkaufsstand (zunächst Leinendach, später Holzdach) betrieb, wodurch die Waren vor Witterungseinflüssen geschützt waren. Die Verkaufsstände der Krämer waren an Orten mit hohem Passantenverkehr, sowie in ihren Wohnhäusern (häufig mit räumlichen Konzentrationen) lokalisiert. Krämer betrieben Gemischtwarenhandlungen und handelten überwiegend mit Schnitt-, Metall- und Eisenwaren sowie Gewürzwaren[9].
Der innerstädtische Kleinhandel galt im Mittelalter als Vorrecht der Krämer und diente primär der unmittelbaren Versorgung der Bevölkerung; der Großhandel hingegen stand jedem frei. Großhändler durften ihre Waren je nach Beschaffenheit nur in ganzen Packungen oder in größeren Gewichten verkaufen. Sie bewohnten i.d.R. große innerstädtische Gebäude mit großflächigen Innenhöfen und angrenzenden Kellern, Speichern oder Vorhallen, in denen die Waren abgeladen und gelagert, sowie zum Kauf angeboten werden konnten. Der Verkauf fand jedoch meist in separaten, speziell für diesen Zweck errichteten weiträumigen, vierstöckigen Gebäuden, den sogenannten Kaufhöfen statt[10].
Zur Förderung des Handels wurde vielerorts das Stapelrecht eingeführt, welches durchreisende Händler zwang mitgeführte Waren für einen gewissen Zeitraum (meist einige Tage) in der Stadt zum Verkauf anzubieten. In manchen Städten existierte gar ein Umschlagzwang, was bedeutete, dass einmal in eine Stadt eingeführte Ware nicht mehr ausgeführt werden durfte, sondern an Ort und Stelle verkauft werden musste. Straßenzwänge sollten zudem dafür Sorge tragen, dass Händler die Städte passieren mussten und nicht umgehen konnten[11].
Das Ende des Mittelalters bedeutete das Ende der Blütezeit der handwerklichen Zünfte. Mit der einsetzenden Ausweitung der Märkte produzierte das Handwerk in zunehmendem Maße auch Waren für den Fernabsatz. Infolgedessen entwickelten sich allmählich eine feste Arbeitsteilung und erste Vorläufer der industriellen Produktion, die Manufakturen. Mit der Ausweitung des Handels insbesondere mit Fertigfabrikaten und Kolonialwaren (Kaffee, Tee, Kakao, Reis, Tabak, Gewürze, etc.) entstanden im 18. Jahrhundert neben den Gemischtwarenhandlungen der Krämer die ersten Branchenhändler (Kolonialwarenläden, Schnitt-, Manufaktur-, Stahl-, Messing-, Eisen-, Glas-, Porzellanwarenhandlungen etc.)[12]. Nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg entstanden erste Ansätze für einen Laden- und Versandhandel mit Büchern[13]. Von besonderer Bedeutung insbesondere für ländliche Gebiete, wo der Großteil der Bevölkerung lebte, die Bevölkerungsdichte jedoch noch keinen rentablen stationären Handel zuließ, war der ambulante Handel durch Hausierer, der als wichtigste Versorgungsmöglichkeit mit ‚selteneren' Waren galt[14]. Stationäre Einzelhändler mit Gemischtwarenhandlungen siedelten sich erst im 18. Jahrhundert in Dörfern an und verdrängten bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend die ambulanten Händler[15].
Mitte des 19. Jahrhunderts kam es im deutschen Einzelhandel zu einem deutlichen Aufschwung, der auf zwei tiefgreifende Veränderungen zurückzuführen ist. Die Einführung der Gewerbefreiheit und somit der Möglichkeit der freien Berufswahl in allen Staaten des seit 1815 bestehenden Deutschen Bundes im Jahr 1868 bedeutete das Ende der Zünfte. Fortan existierten diese lediglich als freie Berufsvereinigungen ohne Beitrittszwang. Infolge dieser Entwicklung nahm die Zahl der Kleinbetriebe stark zu, da viele Gesellen nunmehr als selbstständige Meister ihren Beruf ausübten, wodurch es zu einer Überbesetzung des Handwerks mit einhergehender Verarmung der Betroffenen kam. Mit der einsetzenden Industrialisierung verschärfte sich die Armutssituation, da die Massenfertigung von Produkten deutlich billiger, die Erzeugnisse moderner und die Vertriebsmöglichkeiten breiter waren und somit die Existenzgrundlage vieler Handwerkszweige zerstört wurde. Zahlreiche produzierende Handwerkssparten waren zur Berufsaufgabe gezwungen, andere konnten die Möglichkeit nutzen sich verstärkt in Richtung Installation und Reparatur umzuorientieren. Ein stärkeres Engagement der Handwerker als Einzelhändler war z.B. durch die Angliederung von Ladengeschäften im Nahrungshandwerk (Bäcker, Metzger etc.) und bei Uhrmachern und Optikern zu beobachten, der Großteil der Handwerker war jedoch nicht in der Lage diesen Umbruch erfolgreich zu bewältigen. Ihre Funktion als Einzelhändler wurde vom Handel und der Industrie übernommen[16].
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war geprägt von einem starkem Bevölkerungswachstum, sowie einer Zunahme der Verstädterung und der Industrialisierung. Einem noch immer hohen Selbstversorgeranteil der Haushalte stand in zunehmendem Maße ein Massenkonsum gegenüber, weshalb Waren nicht mehr im Auftrag, sondern für einen anonymen Massenmarkt produziert wurden. Entsprechend stürmisch verlief in dieser Zeit das Einzelhandelswachstum. Die Zahl der Geschäfte pro Einwohner verdreifachte sich und nahm allein zwischen 1875 und 1907 um 80 % zu. Ebenso entstanden zu dieser Zeit viele der Branchen, Betriebs- und Organisationsformen, die bis heute prägend für den Einzelhandel sind. Es kam einerseits zu einer Auf- und Abspaltung bestimmter Sortimentsteile aus traditionellen d.h. herkunftsorientierten Sortimenten in Richtung Fachgeschäft bzw. Spezialgeschäft, andererseits zur Durchbrechung der traditionellen Sortimente: es wurden z.B. in einem Geschäft nicht mehr ausschließlich Glas- oder Lederwaren, sondern Erzeugnisse verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Materialien nach Bedarfskreisen verkauft. Des Weiteren vollzog sich zunehmend eine Differenzierung nach Qualität und Preisniveau der angebotenen Ware. Das anfangs noch weit verbreitete ‚Anschreiben lassen', also die Abgabe der Ware ohne direkte Bezahlung (diese erfolgte zu einem späteren Zeitpunkt) an den Kunden, musste mit der Entstehung von Großbetriebsformen wie Warenhäusern, Filialisten und Verbrauchergenossenschaften der direkten Barzahlung der Ware weichen[17].
Die Entwicklung des Einzelhandels seit dem frühen Mittelalter ist gekennzeichnet von zahlreichen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen und Umbrüchen. Starkes Bevölkerungswachstum, Weiterentwicklungen im Handwerk und die Industrialisierung sorgten für die Ausweitung der Warenproduktion und die Entstehung neuer Betriebsformen, deren Betriebsgröße ebenso rasch zunahm. Prägende Betriebsform für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, sowie für das folgende frühe 20. Jahrhundert, waren die großflächigen, luxuriösen Warenhäuser, die im Folgenden näher betrachtet werden.
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