| Einkaufszentren |
Seite 1 von 2 Ein Einkaufszentrum - auch Shoppingcenter oder Mall genannt - ist eine Konzentration verschiedener Einzelhandelsbetriebe, Gastronomien, Freizeiteinrichtungen etc. unter einem Dach. Kennzeichnend ist neben der Wetterunabhängigkeit auch das zentrale einheitliche Management, d.h. alle Betreiber eines Geschäftes sind Mieter und müssen sich laut Vertrag z. B. an einheitlich geregelten Öffnungszeiten oder an Vorgaben zur Innenraum- bzw. Schaufenstergestaltung orientieren. Von Einkaufscentern zu unterscheiden sind Warenhäuser, die zwar auch ein breites Angebot beherbergen, sich im Unterschied zu Einkaufscentern aber nicht aus mehreren unterschiedlichen Geschäften/Mietern zusammensetzen.
Im Gegensatz zu historischen Fußgängerzonen gelten Einkaufszentren nicht als öffentlicher Raum. In Deutschland gibt es zur Zeit 399 Einkaufszentren, bis Ende 2009 sollen es 414 sein, die zusammen eine Verkaufsfläche von 13 Mio. m² haben. [1] Die ersten Einkaufszentren entstanden in den USA in der Mitte des zwanzigstenJahrhunderts, in Deutschland folgten diese Betriebe erst in den 1960er Jahren. Zu dieser Zeit wurde bereits Kritik an den Beispielen aus den USA laut, vor allem durch Jane Jacobs, eine Journalistin und Stadtkritikerin, mit ihrem Buch „The death and life of great American cities" (1961). Aber auch andere Wissenschaften beschäftigten sich seit jeher mit der Thematik der Shoppingcenter und deren Auswirkungen auf verschiedene Bereiche wie andere städtische Funktionen, Stadtstruktur, Einkaufsverhalten der Menschen etc. Architektur, Geographie, Soziologie, Psychologie, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften, Politik usw. beleuchten aus verschiedenen Perspektiven dieses interdisziplinäre Forschungsfeld und kommen nicht selten zu unterschiedlichen Ansichten bezüglich einiger Kritikpunkte. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Fragen: „Welche Wirkung hat der Einzug des neuen Bautyps „Shopping Center" oder „Shopping Mall" in europäische Städte auf deren räumliche und bauliche Entwicklung? Welche Wirkung hat er auf die urbane Kultur?" [2]
Bei der Beantwortung der Fragen entwickelte sich überwiegend der Tenor, dass ein Einkaufszentrum einen tiefgreifenden Wandel der Stadtstruktur und -kultur in unterschiedlichsten Bereichen (ökonomisch, politisch, sozial, baulich-räumlich) mit sich bringt. Oft werden Shoppingcenter als Bedrohung für den örtlichen Einzelhandel und die historisch gewachsene Fußgängerzone mit der darin verbreiteten Vielfalt empfunden. Gerade wegen der großen Zahl an negativer Kritik stellen sich die Fragen: Warum sind Shoppingcenter dennoch so beliebt? Warum werden jedes Jahr dutzende neue gebaut und eröffnet? Was zeichnet Shoppingcenter im Unterschied zur Fußgängerzone und anderem Einzelhandel aus? Der Boom des Baus von Einkaufszentren (1990er Jahre) ist zwar vorüber, aber dennoch werden sie weiter gebaut, aufgrund des Konkurrenzdrucks der Städte durch Center der Nachbargemeinden oder der Peripherie. Wird in einer Gemeinde ein Center gebaut, so wird auch in der Nachbarschaft schnell der Ruf nach einem Einkaufscenter laut, da man die Kundenströme aufrechterhalten oder vergrößern möchte. Des Weiteren stützen sich Gutachten, die die Notwendigkeit weiterer Einzelhandelsverkaufsflächen für eine Stadt analysieren, oft auf falsche Bemessungsgrundlagen. So schraubt sich der „Bedarf an Einzelhandelsfläche pro Einwohnerzahl" ständig selbst in die Höhe, da er sich an der durchschnittlichen Fläche des Einzelhandels in allen deutschen Städten errechnet. Wird ein neues Zentrum gebaut, wird diese Zahl automatisch nach oben korrigiert. Somit ist diese Zahl eigentlich kein geeigneter Richtwert, wird aber dennoch zur Legitimation eines neuen Centers in Städten häufig verwendet.
Die Besonderheiten von Einkaufszentren bzw. deren Vorteile gegenüber dem traditionellenEinzelhandel ergeben sich zum Einen daraus, dass Einkaufszentren durch ihre Überdachung allwettertauglich sind und es dem Besucher somit ermöglichen, bei jeder Wetterlage trockenen Fußes einzukaufen bzw. seine Freizeit zu verbringen. Auch die Sicherheit (durch Wachpersonal, durchgehende Beleuchtung), der Service (Toilette, Sitzmöglichkeiten, Sicherheit) und die Sauberkeit bilden wichtige Argumente zur Befürwortung von Shoppingcentern. Das einheitliche Management ermöglicht weitere Vorteile, wie die bereits erwähnten einheitlichen Öffnungszeiten, die meist bis spät in den Abend reichen und somit eine starke Konkurrenz zur Innenstadt mit Läden unterschiedlicher Öffnungszeiten bilden, oder eine abgestimmte Präsentation des gesamten Baus - sowohl von innen als auch von außen - , was z. B. die Bestuhlung der Restaurants, die Beleuchtung, die Mülleimer etc. betrifft. Besonders hervorgehoben werden zudem weitere Aspekte wie zum Beispiel die Chance der Aufwertung monofunktionaler Stadtviertel durch den Bau eines Shoppingcenters oder die Nutzung und Revitalisierung von Brachflächen und damit einhergehend eine Attraktivitätssteigerung des (Stadt-) Gebietes. Demgegenüber stehen allerdings die Argumente der Kritiker. Wichtigster Konfrontationspunkt ist der der Gefahr einer wirtschaftlichen Schieflage, vor allem in der traditionellen Innenstadt. Durch die Verschiebung der (Haupt-) Einkaufsströme zugunsten des Centers geht den Ladeninhabern in der Fußgängerzone Kaufkraft verloren. Außerdem wird das Verhalten der Kunden in Shoppingcentern gezielt manipuliert, z. B. durch eine zum Kaufen anregende Atmosphäre durch bestimmte (Farb-) Beleuchtung und/oder Musik. Weiterhin wird kritisiert, dass die historisch gewachsenen deutschen Innenstädte mit ihrer typischen Parzellen- oder Blockstruktur durch ein solches überdimensioniertes Center optisch gestört und so die ursprüngliche Identität einer Stadt und ihre historische Bedeutung beseitigt werden. Wenn in nahezu jeder Stadt ein Einkaufszentrum steht oder gebaut wird dazu noch mit fast identischer Ausstattung, vor allem bezogen auf die Branchen und die Filialisierung, - trägt dies außerdem dazu bei, dass sich Städte und die Wahrnehmung dieser bei den Bürgern und Kunden immer mehr angleichen und die Identifikation mit einer Stadt bzw. das Besondere bestimmter Regionen verloren geht. Um eine wirtschaftliche Selbstständigkeit des Centers zu garantieren, ist eine bestimmte Mindestgröße erforderlich. Das führt allerdings dazu, dass jene oft zu groß geplant und realisiert werden, um dem Bedarf an Einzelhandel einer Stadt in angemessener Weise gerecht zu werden. So wird der traditionelle Handel häufig viel zu stark negativ beeinflusst und sieht sich immer öfter im wahrsten Sinne des Wortes großen Problemen gegenübergestellt, die er manchmal kaum noch zu bewältigen imstande ist. Aufgabe inhabergeführter Geschäfte, Leerstände und eine zunehmende Filialisierung sind Folgen, da sich viele Kleinbetreiber die Mieten nicht mehr leisten können, weil ihre Kosten durch sinkende Umsätze nicht mehr gedeckt werden. Die einheitliche und geschlossene Bauweise einer Shoppingmall vermittelt zudem den Eindruck - sofern sie sich in der Innenstadt befindet -, dass sie gar nicht als Teil dieser wahrgenommen werden möchte. Vielmehr entwickelt sich in ihr ein eigenes Leben, das durch hohe und breite Wände vom übrigen Handel außerhalb abgeschottet wird. Die Vernetzung mit der Umgebung, die zu einem ausgewogeneren Verhältnis zwischen Innenstadt und Center beitragen könnte, fehlt sehr oft. Gerade das kann ein Einkaufszentrum zu einem schädigenden Pol für eine Stadt machen. Wenn die Besucher des Zentrums nicht auf seine Umgebung aufmerksam gemacht werden, sondern - im Gegenteil - durch abgeschirmte Wege, Brücken, Tunnel etc. zu diesem hin bzw. von diesem weg gelangen können, z. B. durch einen direkten und ungehinderten Zugang zum Parkhaus, stellt solch ein Zentrum eine große Gefahr für den übrigen Einzelhandel dar, da potenzielle Kundenströme regelrecht wegbrechen bzw. kaum eine Möglichkeit haben, bis zu ihm zu gelangen. Somit wird auch die Wahrnehmung des Centers als öffentlicher Raum nur
suggeriert. In ihm gelten bestimmte Verhaltensregeln, einigen Menschen bleibt der Aufenthalt in ihm sogar verwehrt. Die vielen Musiker z. B., die man in einer gewöhnlichen Fußgängerzone hier und da am Straßenrand antrifft, prägen das Stadtbild ebenso wie eine Gruppe Jugendlicher, deren Umgangston untereinander die normale Gesprächslautstärke vielleicht etwas übersteigt. Diese Randgruppen aber wird man in einer Shoppingmall eher nicht antreffen. Dort wird der Besucher eben auch von der realen Welt, in der z. B. Armut existiert, ferngehalten. Durch den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen findet eine Selektion statt, die die Gesellschaft in zwei Klassen unterteilt: Diejenigen, denen es gestattet ist, sich im Einkaufszentrum aufzuhalten, und diejenigen, denen der Zugang zu diesem verwehrt bleibt. Es bildet sich eine Scheinöffentlichkeit, in der die urbane Vielfalt allerdings verloren geht. Neben diesen zahlreichen Kritikpunkten gibt es aber auch einige Argumente in der Diskussion um Einkaufszentren, die von deren Befürwortern oft hervorgebracht werden, vor allem wenn es darum geht, die Verantwortlichen in einer Stadt von der Notwendigkeit oder den Vorteilen eines neuen Zentrums zu überzeugen. Betrachtet man diese Argumente allerdings genauer und schaut auf deren längerfristige Auswirkungen, so wird schnell deutlich, dass es sich um Scheinargumente handelt, d. h. man versucht mit etwas zu überzeugen, das so wie dargestellt nicht richtig ist bzw. gedanklich nicht zu Ende geführt wurde. Ein solches Argument ist z. B. das höherer Steuereinnahmen durch Eröffnung eines neuen Centers. In Wirklichkeit gehen aber im Gegenteil durch Geschäftsaufgaben infolge der gewachsenen Konkurrenz hohe Steuereinnahmen verloren. Zudem sind es auch sehr oft Filialisten, die in der Mall einen Laden mieten, und eben diese leisten ihre Steuerabgaben an ihrem Hauptsitz und nicht am Standort der Filiale. Auch die Schaffung von Arbeitsplätzen wird oft zur Überzeugung der Verantwortlichen angeführt. Allerdings ist auch dies nur ein Scheinargument, da durch die eben erwähnten Geschäftsaufgaben Arbeitsplätze verloren gehen, somit nur eine Verlagerung dieser stattfindet. In einem Einkaufszentrum wird dem Besucher zwar ein attraktives Ambiente geboten mit freundlicher Gestaltung der Flaniermeile und einem kompletten Warenangebot, aber dennoch wird das Stadtgefühl nur simuliert - und das in jedem Center auf ähnliche Weise, was zwangsläufig zu einer Stereotypisierung führt und somit zu einem Attraktivitäts- und Identifikationsverlust. Das gleiche gilt für das Argument, dass ein Zentrum eine Stadt durch die Schaffung eines Anziehungs- und Orientierungspunktes bereichern und beleben kann. Findet man aber in nahezu jeder Stadt einen solchen riesigen Baukörper, dann geht auch die Wirkung als Anziehungspunkt verloren. Außerdem kann es passieren, dass das Stadtbild, aber auch der Handel, zu stark dominiert werden und das ursprüngliche und traditionelle Gefüge durcheinander gerät. Das wichtigste Argument aber, das auch die Kunden einer Shoppingmall immer wieder als einen wichtigen Vorteil nennen, ist das der Konzentration des Handels, die es einem ermöglicht, alles in kürzester Zeit und ohne lange Wege einkaufen zu können. Aber auch hier trügt der Blick, wenn man nicht auf die Details und Folgen achtet. Denn, wie bereits erwähnt, wird die Kaufkraft von der traditionellen Innenstadt abgezogen, was somit zu einem Qualitätsverlust und zu Geschäftsaufgaben führen kann. Viele Besucher schätzen es zudem, bequem mit dem PKW direkt bis zum Center zu gelangen, was aufgrund des meist guten Anschlusses an das Verkehrsnetz und günstige Parkmöglichkeiten gezielt gefördert wird, sich einer hohen Beliebtheit erfreut und die Kunden anlockt. Allerdings führt diese Bequemlichkeit der Anreise mit dem eigenen PKW zu einem enormen Verkehrsaufkommen und damit einer wachsenden Fußgängerunfreundlichkeit. Der wünschenswerte Anstieg der Nutzung des öffentlichen Verkehrs wird durch günstige Parkmöglichkeiten und eine gute Erreichbarkeit mit dem Auto erschwert. Wie dargestellt sind die Auswirkungen eines Einkaufszentrums auf die gewachsenen Strukturen einer Stadt nicht unumstritten. Auch wenn sich zahlreiche Argumente finden lassen, die für den Bau eines Centers sprechen - vor allem wenn man die Beliebtheit bei den Kunden betrachtet, die es zu großen Teilen begrüßen, wenn eines in ihrer Stadt eröffnet -, gibt es doch zahlreiche Kritikpunkte, die nicht unbeachtet bleiben sollten. Gerade Deutschland besitzt mit seiner langen Geschichte und der ehemaligen territorialen Zersplitterung Innenstädte von unwahrscheinlich hohem historischen Wert, Anziehungspunkte für Touristen aus unterschiedlichsten Ländern. Ein Einkaufszentrum sollte daher nicht diese traditionellen Strukturen zerstören, sondern - im Gegenteil - die Geschichte durch die Moderne ergänzen, dabei aber die Individualität einer Stadt nicht zerstören. Man kann sich nicht verschließen vor dem Wandel, der unsere Städte trifft und auch schon seit jeher in unterschiedlichster Weise getroffen hat. Aber man kann ihn in geordneten Bahnen verlaufen lassen. Ein urbaner Wandel ist immer eine Folge der Änderung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Verhältnisse. In manchen Städten findet man nicht nur römische, sondern beispielsweise auch mittelalterliche Strukturen. Warum nicht auch gegenwärtige? Solange sie nicht dazu beitragen, dass andere Epochen aus dem Stadtbild verschwinden und es zu so starken Verschiebungen, z. B. der Kaufkraftströme, kommt, sodass die Qualität und die Attraktivität einer Stadt oder verschiedener Stadtteile verloren gehen, kann auch ein Einkaufszentrum das Stadtbild und den Einzelhandel bereichern. Wichtig ist dabei aber, dass eine Kooperation zwischen Center und Innenstadt stattfindet, dass sich ersteres nicht von jener abschottet, sondern sich öffnet, die Besucher auch auf sie aufmerksam macht und gemeinsam mit ihr Aktionen, wie Rabatte etc., durchführt. Auch aus der gegenwärtigen Kritik lässt sich herauslesen, dass Einkaufszentren nicht kategorisch abgelehnt werden. Da sie meist nur noch in Innenstädten und kaum noch auf der „Grünen Wiese" realisiert werden, wird die Kaufkraft nicht mehr aus der City abgezogen. Allerdings muss mehr Wert auf Kooperation gelegt werden, Einkaufszentren müssen sich selbst mehr in die Stadt und deren Einzelhandel integrieren und nicht als überdimensionierter Baukörper daneben stehen. Sie sollten „ein transitorischer Raum werden, der sich mit der Stadt verknüpft".[3]
[1] German Council of Shopping Centers, in: www.faz.net, 12.01.2009 [2] DÖRHÖFER 2008, S. 12 [3] DÖRHÖFER 2008, S. 176 |